Chronik der Sterbekasse Essen – Frintrop

 

1. Gründung bis 1945
Die Sterbekasse Essen-Frintrop wurde im Februar 1923 unter dem Namen „Begräbnishilfe St. Josef“ gegründet. Die Initiative zur Gründung dieser nachbarschaftlichen Hilfe bei Sterbefällen ging von Mitgliedern katholischer Vereine aus, die zur Frintroper Pfarrgemeinde St. Josef gehörten. Den Arbeitern, Handwerkern und kleinen Gewerbetreibenden ging es darum, ihren Familienangehörigen im Falle ihres Todes wenigstens die Sorge wegen der Beerdigungskosten zu nehmen. Gegen Zahlung eines geringen monatlichen Beitrags erwarb das Mitglied einen Anspruch auf Sterbegeld, das zumindest ein einfaches Begräbnis ermöglichte. Es galt der Grundsatz: „Alles zu tun für den sozial bedrängten Menschen im Falle des Todes“.
Anlass der Gründung dürfte die katastrophale wirtschaftliche Lage nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gewesen sein, die vor allem bei Arbeiterfamilien im Ruhrgebiet zu Arbeitslosigkeit und Existenznöten führte. Katholische Arbeiter- und Knappenvereine verfügten zwar in einigen Fällen über eigene Unterstützungskassen, die bei Todesfällen den Angehörigen der verstorbenen Mitglieder einen kleinen Obolus auszahlten. Durch die Gründung einer eigenen Begräbnishilfe gelang es jedoch, die Finanzierung des Sterbegeldes auf eine solidere Basis zu stellen und den Interessentenkreis zu vergrößern.
Zu den Gründungsmitgliedern der Begräbnishilfe zählten Wilhelm Becker, Josef Hardt, Clemens Holtbrügge, Wilhelm Küpper und Hermann Laaks. Zum 1. Vorsitzenden (bis 1929) wurde Johannes Pesch gewählt, der Rektor der Frintroper Neerfeldschule (heutige Walter-Pleitgen-Schule). 1929 konnte man bereits auf 1700 Mitglieder blicken.
Um die Mitgliedsbeiträge einzuziehen, stützte man sich auf Hauskassierer. Mitglieder, die sich ein kleines Zubrot verdienen wollten, kassierten in einem festgelegten Bezirk – oft in ihrer Nachbarschaft – die Beiträge und durften dafür einen prozentualen „Botenlohn“ behalten.
Nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ 1933 blieb auch die Begräbnishilfe nicht von der „Gleichschaltung“ durch die neuen Machthaber verschont. Der Vorstand wurde vom NS-Regime gedrängt, sich einer großen Versicherungsgesellschaft anzuschließen. Anfang 1934 erfolgte dann wegen des starken politischen Drucks in einer Generalversammlung der Anschluss an den Gerling-Konzern. Es gelang jedoch vier Jahre später, diese ungewollte Verbindung wieder rückgängig zu machen. Unter der Auflage, das Sterbegeld nicht zu erhöhen, konnte die Selbstständigkeit der Begräbnishilfe wiederhergestellt werden. Der Vertrag mit dem Gerling-Konzern wurde Ende 1938 aufgelöst, zum 1. Januar 1939 eine neue Satzung eingeführt und der Name in „Sterbehilfe Essen-Frintrop“ geändert.
Bei einem alliierten Großangriff im März 1944 wurde Frintrop stark getroffen. Die Zerstörung des Hauses, in dem sich das Büro der Sterbekasse befand, führte zur Vernichtung vieler Unterlagen aus der Anfangszeit.

2. Neugründung nach 1945
Nach Kriegsende wurde die Geschäftstätigkeit bald wieder aufgenommen. Der Neuaufbau erfolgte als kleiner Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit unter dem heutigen Namen „Sterbekasse Essen-Frintrop“ mit 5600 Mitgliedern. Die Genehmigung dazu erteilte der Düsseldorfer Regierungspräsident am 22. Juni 1948. Durch die Währungsreform im selben Monat wurde das bisherige Vermögen von 102.000 RM in 6500 DM umgetauscht. 1950 betrug das Vermögen der Sterbekasse bereits 36.000 DM. 1951 konnte nach zähem Ringen eine neue Satzung verabschiedet werden, die eine mögliche Unterwanderung durch große Versicherungskonzerne ausschloss.
Durch die Möglichkeit, Hypotheken an Mitglieder zu vergeben, trug die Sterbekasse in den Nachkriegsjahren zum Wiederaufbau in Frintrop bei. Eng verbunden blieb die Sterbekasse mit der Pfarrgemeinde. So war das Gründungsmitglied Wilhelm Küpper, ab 1950 Ehrenvorsitzender der Sterbekasse, in der Nachkriegszeit Rendant von St. Josef. Andere Mitglieder engagierten sich in KAB, Kolpingsfamilie oder Kirchenchor. Ehrungen von Vorstandsmitgliedern, Kassenprüfern oder Hauskassierern für eine mehr als 30 oder 40jährige Tätigkeit sind in der fast 100jährigen Geschichte der Sterbekasse keine Seltenheit – ebenso wie das „Nachrücken“ von Familienmitgliedern.
1973 konnte der 50. Geburtstag der Sterbekasse gefeiert werden. Passend zu diesem Jubiläum gelang es in diesem Jahr, dass Vermögen erstmals auf über 1 Million DM zu steigern. Die Mitgliederzahlen entwickelten sich erfreulich, so dass die Frintroper Sterbekasse in den 1970er Jahren mit 10.000 Mitgliedern die drittgrößte Kasse in Essen war.
Während der Vorstand bis dahin fest in Männerhand war, gab es 1981 mit Johanna Buiting als 2. Geschäftsführerin das erste weibliche Vorstandsmitglied. Seit der Neugründung der Sterbekasse waren als 1. Vorsitzende tätig: Wilhelm Becker, Leonard Joosten, Hans Knühmann, Heinz Löbbert, Hans J. Heßling, Peter Neuß. Mit Dr. Michaela Bachem-Rehm übernahm 2018 erstmals eine Frau den 1. Vorsitz.

3. 2000 bis heute
Im Jahre 2000 wurde die Sterbekasse Essen-Frintrop Mitglied im Deutschen Sterbekassenverband, der bundesweit die Interessen von mehr als 700 Sterbekassen vertritt. Im selben Jahr erfolgte auch die Umstellung auf EDV, die den Abschied von den „Stammbüchern“ einleitete. Auch wenn das Hauskassierer-System mittlerweile fast vollständig von Daueraufträgen und Online-Banking abgelöst wurde, ist die Sterbekasse stolz, dass es noch einige wenige Hauskassierer gibt, die bei Wind und Wetter Beiträge kassieren.
2011 konnte die neue Geschäftsstelle in der Schlenterstr. 6 in Frintrop bezogen werden. Interessenten haben hier mittwochs von 9-12.30 Uhr die Möglichkeit, sich persönlich beraten zu lassen und eine Sterbegeldversicherung abzuschließen.
Während der Mitgliederbestand der Sterbekasse bis Ende der 1990er Jahre kontinuierlich anwuchs, ist es seitdem schwieriger geworden, neue Mitglieder zu gewinnen. Demographische Faktoren und ein Wandel in der Bestattungskultur hin zu Urnengräbern und anonymen Bestattungen machen sich bemerkbar. Trotzdem konnte die Sterbekasse Essen-Frintrop im Geschäftsjahr 2017 bei einem Mitgliederbestand von 4317 (mit über 15.000 Versicherungen) ihr Vermögen auf 4,1 Mio. Euro steigern. Dem 100. Geburtstag der Sterbekasse im Februar 2023 kann deshalb verhalten-optimistisch entgegen gesehen werden.

 

Dr. Michaela Bachem-Rehm
Stand: April 2019